Der Rappel zum Jahresanfang: Karriere-Boost mit guten Vorsätzen?

Im neuen Jahr wird endlich alles anders – oft genug fassen wir solche Vorsätze und scheitern an ihnen. Dabei können Vorsätze helfen, Karriereziele zu erreichen. Aber was tun, wenn man gar keine hat?

Ob gute Vorsätze wirklich etwas für die Karriere bringen, ist auch Typsache. Symbolbild: Christin Klose/dpa

Berlin. (dpa) Zum Jahresende gehen wir in uns. Wir reflektieren und überlegen, was gut war, was schlecht und was wir verändern wollen. Endlich nach mehr Gehalt fragen, endlich die Beförderung schaffen oder eine berufliche Veränderung angehen. Wir fassen gute Vorsätze, die wir ab Januar umsetzen wollen – doch dann passiert es uns allzu oft, dass schon nach wenigen Wochen unser Elan schrumpft und wir die guten Vorsätze fallen lassen. Experten erklären, worauf es wirklich ankommt.

■ Welche Vorsätze lohnen sich?

Was dem einen erstrebenswert scheint, ist dem anderen lästig. Daher gibt es keine allgemein sinnvollen Vorsätze. Miriam Schneider, Wirtschaftspsychologin und Verhaltenswissenschaftlerin bei der Trainingsplattform Coach Hub, rät dazu, sich zunächst zu fragen, warum man ein bestimmtes Ziel erreichen will. „Geht es nur um Äußerlichkeiten wie den sozialen Status oder Erwartungshaltungen des Umfelds, hält man einen guten Vorsatz meistens nicht lang durch. Die beste Motivation kommt aus sich selbst heraus“, sagt Schneider. Um Veränderungen ernsthaft anzugehen, bedarf es typischerweise zwei Voraussetzungen. „Tatsächlich braucht der Mensch oft erst mal eine Form von Leidensdruck, der ihm seine momentane Situation unangenehm macht“, sagt die Diplom-Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner. „Und dann die Erkenntnis, das man selbst etwas verändern muss.“

■ Wie setze ich realistische Ziele?

Zunächst gilt es, den Veränderungsbedarf zu klären. „Viele unzufriedene Menschen überreagieren und schütten das Kind mit dem Bade aus. Da ist gleich der ganze Job mies, oft geht es aber nur um Teilaspekte“, sagt Leitner. Das Gefühl der Unzufriedenheit sei oft sehr diffus. Die Diplom-Psychologin rät ihren Klienten erstmal, sich selbst zu beobachten, etwa Tagebuch zu führen und zu verstehen, was sie umtreibt. Daraus leiten sich dann konkrete Veränderungsvorsätze ab. Dann stellt man mitunter fest: „Nicht immer ist tatsächlich der Job die Ursache des Problems, sondern er bildet einen Rahmen, in dem sich ein persönliches Problem ausspielt“, erläutert Leitner. „Wer etwa grundsätzlich zum Schwarzsehen neigt, wird auch im besten Job der Welt vor allem das Negative sehen.“ Das gilt es zu reflektieren.

■ Wie setze ich meine guten Vorsätze also in die Tat um?

„Dieser Rappel am Jahresanfang führt oft dazu, dass man sich zu viel auf einmal vornimmt und daran scheitert, was dann zu Frustration und Vorwürfen führt“, sagt Wirtschaftspsychologin Miriam Schneider. Besser ist es, erstmal nur ein Ziel ins Auge fassen. „Ziele müssen konkret und erreichbar sein, auch zwischendurch schon mal ein Erfolgserlebnis bieten, damit man motiviert bleibt, sonst tritt irgendwann ein Gefühl der Überforderung ein“, sagt auch Daniela Merz, die als Stärken- und Leadership-Coach arbeitet. Entscheidend ist, ein großes Ziel in kleine, messbare Schritte zu unterteilen. „Halten Sie Ihre Ziele schriftlich fest und setzen Sie Fristen für die einzelnen Schritte“, rät Merz. Das mache Erfolg messbar.

„Tatsächlich braucht der Mensch oft erst mal eine Form von Leidensdruck, der ihm seine momentane Situation unangenehm macht.“

Madeleine Leitner, Diplom-Psychologin und Karriereberaterin

■ Wie bringe ich persönlichen Vorsätze und Unternehmensstrukturen in Einklang?

Hier sollte man das Gespräch mit den Vorgesetzten suchen, denn auch die Unternehmen haben ein Interesse, motivierte Mitarbeiter zu halten und sind deswegen vielleicht offener als man denkt. „Dafür braucht es sehr viel und sehr offene Kommunikation sowohl vonseiten des Mitarbeiters als auch des Unternehmens“, sagt Stephan Sandrock, Psychologe und Leiter des Fachbereichs Arbeits- und Leistungsfähigkeit beim Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa). Mitarbeiter müssen laut Sandrock klar sagen, was sie wirklich benötigen. Das Unternehmen muss dagegen klarmachen, was realistische Spielräume sind und an welchen Stellen im Unternehmen Bedarf besteht. „Ebenso hat das persönliche Verhältnis zur Führungskraft einen großen Einfluss auf das eigene berufliche Vorankommen“, sagt Miriam Schneider. Die Führungskraft könne einen im besten Fall fördern, aber auch Hindernisse in den Weg legen. Schneiders Rat: „Vielleicht brauche ich dann länger um mein Ziel zu erreichen, aber das Wichtigste ist, überhaupt anzufangen.“

■ Was ist, wenn ich überhaupt keine Vorsätze habe?

„Wenn mir wirklich Vorsätze fehlen, habe ich vielleicht gerade keine Dringlichkeit, etwas zu verändern“, sagt Daniela Merz. Das müsse nicht heißen, dass man unmotiviert ist. Vielleicht hat der Job im Bezug auf das persönliche Wachstum einfach gerade nicht Priorität.„Andererseits gibt es auch Leute, die grundsätzlich eine geringe Erwartungshaltung und dafür eine hohe Leidensfähigkeit haben“, gibt Madeleine Leitner zu bedenken. Diese Menschen haben oft keine Vorsätze, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse schlecht wahrnehmen und verändern erst etwas, wenn sie wirklich an die Belastungsgrenze kommen. Und dann gebe es auch jene, die einfach jammern, weil das eben ihr Ventil ist, ohne dass dahinter akuter Veränderungsbedarf steht. „Ob mir Vorsätze als Motivationshilfe nutzen, ist letztlich auch eine Typsache“, sagt die Psychologin. Wer im Großen und Ganzen zufrieden mit sich ist, braucht keine guten Vorsätze. Auch Stephan Sandrock findet: „Wenn ein Mitarbeiter sagt, er ist zufrieden, kommt gerne zur Arbeit und erledigt seine vereinbarte Arbeit zufriedenstellend und möchte gar nichts verändern, dann ist das auch in Ordnung.“ 

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